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Alten-WG

Geschichte der Alten-WG

Als unser Verein im Jahr 1989 durch den damaligen rot-grünen Haushalt der Stadt Göttingen erstmals öffentlich gefördert wurde und wir mit unserer Projektarbeit in einem ebenerdigen Ladenlokal Am Ritterplan 4a begannen, da hatte noch niemand von uns die Vision, einmal Initiator und Träger eines Modellprojekts gemeinschaftlichen Wohnens älterer Menschen zu sein.

In der Zeit von 1989 bis 1991 standen die Organisation und Durchführung vieler öffentlicher Veranstaltungen zu Brennpunkt-Themen älterer Menschen im Mittelpunkt: Pflegeversicherung, Sozialhilferecht, „Unruhestand“, neue Alternsbilder. Ein Thema schien den BesucherInnen unserer Veranstaltungen jedoch besonders auf den Nägeln zu brennen – die Frage des Wohnens im hohen Lebensalter.

Auf diesem Hintergrund arrangierte das Vereinsteam mit einer etwa 20-köpfigen Interessentengruppe ein „Planspiel“, ein Simulationsspiel mit dem Titel: „Wir gründen ein selbstorganisiertes gemeinschaftliches Wohnprojekt!“ Vier Arbeitsgruppen wurden aus der Taufe gehoben: die Arbeitsgruppen „Konzept“, „Rechtliche Fragen“, „Finanzierung“ und „Öffentlichkeitsarbeit“. Über ein halbes Jahr machten sich die TeilnehmerInnen dieses Planspiels zu „ihrem“ Thema sachkundig. Sie entwickelten erste konzeptionelle Vorstellungen, sprachen mit Kommunalpolitikern, mit Behördenvertretern, holten juristischen Sachverstand ein und besuchten Modellprojekte in den Niederlanden und Dänemark. Dieses Planspiel hatte damals bewusst schon selbstorganisierten und selbst-entdeckenden Charakter, eine Form des Lernens, die den Beteiligten viel Spass und zukunftsweisende Erkenntnisse brachte. Und einen entscheidenen Vorteil hatte dieses Planspiel: Es war ja „nur“ als Spiel gedacht, und niemand war deshalb einem möglichen inneren Druck ausgesetzt, in das selbst erdachte Projekt dann auch einziehen zu „müssen“. Diese spielerische Herangehensweise setzte aber enormes kreatives Potenzial frei.

Auf dem Hintergrund dieses Planspiels, das wir selbstverständlich auch öffentlich machten, bot uns die Stadt Göttingen im Herbst 1991 eine ihrer schönsten Liegenschaften, die damals leer stehende Jugendstilvilla Am Goldgraben 14, zur konkreten Umsetzung eines Modellprojekts an. Ein Paukenschlag! Eine Jugendstilvilla unter Denkmalschutz mit wunderschönem Garten, nahe dem Stadtzentrum, trotzdem ruhig gelegen und bestens geeignet für ein gemeinschaftliches Wohnprojekt.

Das Haus, so schön es war, war allerdings erheblich umbau- und sanierungsbedürftig. Unser Verein stand somit vor einer doppelten Herausforderung: einmal der Gründung einer konkreten Projektgruppe von Menschen, die tatsächlich daran interessiert waren, später in dem Haus wohnen und leben zu wollen – zum anderen der wichtigen Frage der Finanzierung dieses Projekts. Ein doppeltes Abenteuer für unseren damals ja noch recht jungen, aber hoch ambitionierten Verein.

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Kein Mitglied der damaligen Projektgruppe hatte eigene WG-Erfahrungen, und wie sich eine solche Gruppe selbst organisiert, das hatten viele auch noch nicht gelernt. Deshalb entschied sich der Verein, dieser Projektgruppe mit einer ABM-Mitarbeiterin beim Aufbau ihrer Selbstorganisation zu assistieren. Wir wollten ein Wohnprojekt realisieren, das nicht „für alte Menschen“ geschaffen werden sollte, sondern – von Anfang an – „mit ihnen“. Konkrete Mitbestimmung bei allen wesentlichen Schritten der Planung – die ABM-Kollegin half der Gruppe dabei, aus dem Berg der Anforderungen, die mit dieser Entscheidung verbunden waren, „eine Hügellandschaft zu machen“. Mit großem Erfolg – denn lange Jahre später zeigte sich noch immer, auf welche Weise die Mitbeteiligung der künftigen Bewohnerinnen deren Identifikation mit dem Projekt bewirkte ...

Schließlich das „Finanzierungsabenteuer“ für den Verein: Wir, die Freie Altenarbeit Göttingen e.V., damals ein Verein mit gerade mal 38 Mitgliedern, sollten Bauträger werden für ein gemeinschaftliches Wohnprojekt, dessen Umbau- und Sanierungskosten schließlich DM 1,66 Mio. betrugen. Man mag sich vorstellen, wie viele Förderungs-, Zuschuss- und Drittmittelanträge geschrieben werden mussten und welche Herausforderung des für das Vereinsteam war, erste Wirtschaftlichkeitsberechnungen zum Projekt zu verfassen. Denn das war klar: Das Projekt müßte sich durch die regelmäßigen Mieteinnahmen selber tragen – und die Mieten sollten so gestaltet sein, dass Menschen mit ganz normalen Renten bzw. Pensionen sich ein Wohnen in der Alten-WG leisten können ... auch in all solchen Fragen hatte das Vereinsteam und die Projektgruppe ja keine eigene Expertise, sondern war auf das Prinzip des „Learning by doing“ angewiesen. Aber die Stadt Göttingen als unser Haupt-Vertragspartner zog gut mit, ebenso das Land Niedersachsen sowie weitere Stiftungen, die uns Baukostenzuschüsse gewährten.

Das Jahr 1993 war das Umbau- und Sanierungsjahr. Viele Firmen gleichzeitig im Haus – und auch die „Kompanie des guten Willens e.V.“ aus Hagen/Westfalen unterstützte uns mit Maler- und Lackierarbeiten. Eine der künftigen WG-Bewohnerinnen stellte den Kontakt zu dieser „Rentner-Einsatzgruppe“ her, die für 50 DM pro Tag und Mann gemeinnützigen Projekten zum Leben verhilft und die uns erheblich dabei half, Baukosten zu sparen.

Im Januar 1994 schließlich konnten alle elf Bewohnerinnen, damals im Alter zwischen 69 und 85 Jahren, in ihr Projekt einziehen. Die große Einweihungsfeier mit weit über 200 Gästen begingen wir im Sommer 1994, als dann auch unser Verein seine Büro- und Gruppenräume im Souterrain des Hauses bezogen hatte.

Das Wohnen in der Alten-WG selbst, das sich danach entwickelte, ist unzählige Male in den besten bundesdeutschen Medien illustriert und präsentiert worden und soll deshalb hier nicht näher berichtet werden.

Siehe dazu unter: "medien-echo"

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Seite aktualisiert am 12.08.2016