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Nachlese vom 05. Februar 2020

Nachlese Erzählcafé vom 05. Februar 2020

„Nimm das schöne Händchen" - Erzwungene Rechtshändigkeit - Abenteuer Rückschulung

Mit: Dr. Gudrun Keindorf
Moderation: Laura Marahrens

 

Zum heutigen Erzählcafé in der Freien Altenarbeit Göttingen e.V. sind rund 20 Besucher*innen gekommen, um Frau Dr. Gudrun Keindorf zu hören, die über das Thema „Erzwungene Rechtshändigkeit" und das „Abenteuer Rückschulung" aus ihrer persönlichen Erfahrung berichtet. Zur Einstimmung ins Thema fragt die Moderatorin Laura Marahrens, wieviele Rechtshänder*innen sich im Raum befinden und wieviele davon ursprünglich Linkshänder*innen waren. Es sind rund ein Drittel Rechtshänder*innen anwesend, davon kennen vier ursprünglich linkshändige Personen den Zwang zum rechten, „schönen" Händchen.

   

Viele erzwungene Rechtshänder*innen, die auch der Generation der sog. „Babyboomer" (Mitte bis Ende der 60er Jahre) angehören, haben mit großen Erwartungshaltungen ihrer Familien zu kämpfen gehabt. Ein Erziehungsaspekt war, dass es als erheblicher Makel angesehen wurde, wenn beim Kind eine Linkshändigkeit entdeckt wurde, welche ihm frühestmöglich abzugewöhnen galt. Frau Dr. Keindorf schildert, wie tiefgreifend und nachhaltig dieser Eingriff in ihre Entwicklung war, zumal viele frühkindliche Erlebnisse ihr erst im späteren Erwachsenenalter bewusst wurden. So beschreibt sie einen Moment, in dem sie ein kleines Mädchen mit verbundener Hand beobachtet. Als sie ihrer Mutter davon berichtet, erzählt diese ihr unaufgefordert vom „Schlimmen Lappen". Im Alter von zwei Jahren sei Gudrun Keindorf ebenfalls die linke Hand verbunden worden, damit sie das „schöne Händchen", nämlich das Rechte, benutze. Man kann nur erahnen, was dieser Schlüsselmoment für sie bedeutete und es ist sehr gut zu spüren, dass auch die Besucher*innen des Erzählcafés sehr berührt sind.
Weitere Impulse folgen. Vor gut zwei Jahren war es wohl ein Wink des Schicksals, dass sie durch orthopädische Einschränkungen auf der rechten Seite die Renovierung ihrer Wohnung größtenteils mit links erledigen musste, und dabei feststellte, wie leicht ihr das von der Hand ging. Sie begann ihren Fokus auf die linke Hand zu richten und auch ihre spontane Idee, mit links zu malen, gab letztendlich den Impuls dafür, dass im November 2017 für Frau Dr. Keindorf ein sehr bewegender Prozess der Rückschulung begann, den sie mit positiver Entschlossenheit anging. Systematisch von Anfang an, Buchstabe für Buchstabe und durch kontinuierliche Schreibübungen eroberte sie sich ihre linke Hand und viele unterdrückte Fähigkeiten zurück. Das seit ihrer Kindheit fortwährende diffuse Gefühl, „falsch" zu sein, löste sich damit vollständig auf, als sie ein Jahr später beschloss: „Jetzt bin ich Linkshänderin!".
Frau Dr. Keindorf erläutert auch das sog. „Broken Brain Syndrom". Denn die zwanghafte Unterdrückung der linken Hand hat schwerwiegende und traumatische Auswirkungen auf die Entwicklung, welche sich in permanenter Erschöpfung und Wahrnehmungsverzögerungen äußern kann, da das Gehirn aufgrund der „Umpolung" durch die erzwungene Rechtshändigkeit sehr viel mehr leisten muss. Bei ihr ging die „Neuronale Neuvernetzung" als Folge der Rückschulung mit sehr lebendigen, intensiven Träumen und Visionen einher, welche sie wie in einer Art Wachkoma erlebte. Sie weist ausserdem darauf hin, dass der gesamte Prozess nicht zu unterschätzen ist und sehr fordernd sei und sie dabei sehr von ihrer Resilienz und Bewältigungsstrategien eines erlernten Achtsamkeitstrainings profitierte.

In den Rückmeldungen der Besucher*innen des Erzählcafés zeigen sich unterschiedliche eigene Erfahrungen. So wird deutlich, dass eine Beidhändigkeit ursprünglicher Linkshänder sogar als sehr bereichernd erlebt wird, wenn dem ein freiwilliges Üben bzw. Schreiben mit der rechten Hand vorausgegangen ist. Dort, wo dieses unter der Strenge der sog. „Schwarzen Pädagogik" und somit unter Zwang geschah, zeigen sich eher traumatische Entwicklungen. Es sind viele anerkennende Worte für Frau Dr. Keindorf zu hören, da zu so einer Rückschulung von der rechten zur linken Hand sehr viel Mut gehöre, sich dieser Prozedur zu stellen.

Genau diesen Mut und ihre optimistische Herangehensweise hat Frau Dr. Keindorf sehr berührend und erfrischend humorvoll geschildert und das Erzählcafé wird sicher noch vielen Besucher*innen im Gedächtnis bleiben.


- Nicole Andert -

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Seite aktualisiert am 12.08.2016