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Nachlese vom 09. Oktober 2019

Nachlese zum Erzählcafé vom 09. Oktober 2019

Herbst 1989 in Göttingen – 30 Jahre nach dem Mauerfall

Moderation: Hartmut Wolter


Trotz eines verregneten Abends trafen sich am Mittwochabend etwa 30 Besucher*innen in der Freien Altenarbeit Göttingen e.V. zum Erzählcafé. Als Erzählerin war eine Person des öffentlichen Lebens aus Göttingen eingeladen, die jedoch aufgrund einer Erkrankung kurzfristig absagen musste. So kam es zu der Idee, das Erzählcafé einmal anders zu gestalten und die Besucher*innen selbst zu ihren Erfahrungen im Herbst 2019 zu befragen und erzählen zu lassen.


Ganz unterschiedlich waren die Bezüge der Gäste beim Erzählcafé: von jungen Leuten, die von den Ereignissen im Herbst 1989 bestenfalls etwas im Geschichtsunterricht gehört haben, bis hin zu Zeitzeugen, die berührt und betroffen waren. Es waren Menschen anwesend, die hier in Göttingen oder direkt in Grenznähe die Ereignisse miterlebten, Besucher*innen, die in der DDR oder in den alten Bundesländern der BRD lebten, Menschen, die Verwandte und Freunde im jeweils anderen deutschen Staat hatten und Gäste, bei denen das nicht der Fall war ...


In einer ersten Runde erzählten die Besucher*innen des Erzählcafés von ihren persönlichen Bezügen zur DDR und von den Schlüsselerlebnissen, die ihr Bild von der DDR prägten. Es wurde von Besuchen in der DDR erzählt, davon wie die begrenzte Bewegungsfreiheit als Besucher*in erlebt wurde, von dem beklemmendem Gefühl, dass die Grenzkontrollen wachriefen, von Schikanen, von Ohnmacht - und von Schicksalen. Immer noch spürbar war die Trauer und der Schmerz eines Gastes, der davon erzählte, wie der Mauerbau am 13. August 1961 seine nur wenige Tage später geplante Hochzeitfeier platzen ließ, da seine Braut die DDR nicht mehr verlassen konnte. Er berichtete davon, wie die Grenze die Liebenden voneinander trennte und beider Leben für immer veränderte.
Nicht einfach war es angesichts vieler negativ konnotierter Erfahrungen, die Errungenschaften und die positiven Seiten des Lebens in der DDR überhaupt zu sehen.


In der zweiten Runde ging es um persönliche Erlebnisse und Erfahrungen im Herbst 1989. In Göttingen waren sie nicht nur von der Grenzöffnung am 9. November sondern auch vom Tod von Conny Wessmann am 17. November 1989 geprägt. Die Besucher*innen, bei diesem Erzählcafé zu viert oder fünft um kleine Tische sitzend, tauschten sich untereinander aus. Rege Gespräche erfüllten den Raum. Anschließend wurde aus den Gruppen berichtet: von Begegnungen, von Gastfreundschaft unter anderem mit Übernachtungsangeboten und von dem völlig Unerwartetem und Überraschendem der Ereignisse um die Grenzöffnung. Die Erinnerungen an die Zeit waren geprägt von Freude und Freudentränen, aber auch von Sorge und Angst vor einem dritten Weltkrieg, der dann nicht kam. Die Besucher*innen erzählten von der Erleichterung, auch darüber dass es mit den Schüssen an der Grenze bei den Fluchten ein Ende hatte und von der Dankbarkeit für den friedlichen Verlauf der Wende - das alles war wie ein politisches Wunder. Im Raum war geradezu spürbar, wie sehr die Ereignisse berührt und bewegt haben und noch heute noch bewegen - Gänsehautfeeling. Ein besonderes Zeitzeugnis, das unterschiedliche Erinnerungen wachrief, war das Gästebuch der reformierten Gemeinde. Viele Seiten mit Einträgen gaben Zeugnis von der herrschenden Aufbruchsstimmung und der großen Dankbarkeit für die Grenzöffnung und für die Begegnungen und die Gastfreundschaft.


Die dritte und letzte Runde war vom Gespräch darüber geprägt, was aus den Erfahrungen des Herbstes 1989 und den Veränderungen, die er mit sich brachte, heute noch bedeutsam ist - und was für heute wichtig wäre. Als Wichtigstes wurde festgestellt: Man kann in Deutschland überall hin reisen, z.B. einfach mal so von Göttingen nach Leipzig fahren oder umgekehrt. Es gibt keine Grenze und keine Trennung mehr zwischen Ost und West. Für die Jüngeren, die sie nicht erlebt haben, gab es sie ohnehin nie. Für sie gibt es Zeit ihres Lebens immer nur ein Deutschland. Dennoch wirkt die deutsche Teilung immer noch nach. Es gibt Unterschiede und Ungerechtigkeiten, die längst abgebaut sein müssten. Die Bezahlung in den alten und neuen Bundesländern ist noch nicht gleich. Es gab viele Verletzungen bei der Übertragung des westlichen Systems auf den Osten - für viele Menschen wurde die eigene Lebensleistung völlig entwertet. Gerade vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen wurde als wesentlich für heute angesehen, sich um gegenseitige Akzeptanz auf Augenhöhe zu bemühen. Dazu gehört die Bereitschaft zum Erfahrungsaustausch und aus den unterschiedlichen Denkweisen zu lernen.


Bedauert wurde, dass für die Wiedervereinigung keine gemeinsame Verfassung erarbeitet wurde. Aus einer Ostperspektive ist das Land, „das mein Land war, in dem ich aufgewachsen bin", verschwunden und damit ein Teil der eigenen Identität verloren gegangen. Aus einer Westperspektive wurde die Hoffnung enttäuscht, dass aus den unterschiedlichen Denkweisen und Dynamiken in Ost und West heraus in einem damals immer rauer werdenden sozialen Klima neue Impulse für ein menschlicheres und sozialeres Deutschland entstehen würden.
Das Bewegende dieser letzten Runde war die sehr offene, ehrliche und doch zugleich achtungsvolle Atmosphäre der Gespräche.


Was bleibt?

Ein Fazit: Für die Jüngeren hat es immer nur ein Deutschland gegeben. Für die Älteren ist die Teilung und die Wiedervereinigung ein Teil der eigenen Geschichte - und selbst in der Erinnerung immer noch bewegende Geschichte.

­Eine Einladung: Und zwar die Einladung differenziert und achtungsvoll miteinander zu sprechen sowie die Menschen und das Land in Ost und West näher kennen zu lernen. 

­Und die Anmerkung einer Besucherin: "Das war, das schönste Erzählcafé, das je erlebt habe!" 

 

Martin Grabensee 

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Seite aktualisiert am 12.08.2016