Illustration oben
 
Nachlese vom 09. Januar 2019

Nachlese Erzählcafé vom 09. Januar 2019

"Das Schweigen brechen" - Deportationsgeschichten in der Familie

Mit: Ute Delimat und Jennifer Frank
Moderation: Laura Marahrens

 

Zu Gast waren Ute Delimat und Jennifer Frank, die beide über den Umgang mit ihren Familiengeschichten berichteten, die geprägt sind durch die Deportationserfahrungen während des Zweiten Weltkrieges.


 

Das Erzählcafé zum Thema Deportationsgeschichten ,,Das Schweigen brechen" wurde von über 40 Teilnehmenden besucht. Die Moderatorin Laura Marahrens teilte das Erzählcafé in drei Blöcke. Der erste Block handelte von der Geschichte der Eltern und Großeltern. Ute Delimat (Jg. 1965) erzählte die Geschichte ihrer Mutter Wiktoria Delimat (1926-2018). Diese war 2011 in Rahmen des Programmes ,,Göttinger Zeitzeugenprojekt" ebenfalls in einem Erzählcafé zu Gast und berichtete über ihre Verschleppung aus Polen und ihre Zwangsarbeit in Deutschland. Nachdem sie in einer Zuckerfabrik arbeiten musste, kam Wiktoria Delimat auf den Bauernhof von Gustav Bachmann. Obwohl sie auch dort als Zwangsarbeiterin hingekommen war, behandelte die Bauernfamilie sie gut und wurde zu einem Familien-Ersatz. Auch für Ute Delimat gehörten die Bachmanns zu ihrer Familie.
Jennifer Frank (Jg. 1997) erzählte die Geschichte ihrer Großeltern mütterlicher- und väterlicherseits, die als Russlanddeutsche nach Kasachstan deportiert worden sind. Sie berichtete zudem von sich aneinanderreihenden Fluchtgeschichten innerhalb der Familie und der Zwangssiedlung beider Großelternpaare in Kasachstan. Eine Rückkehr in die Gebiete, aus denen sie ursprünglich stammten, war zu keinem Zeitpunkt möglich.

Im zweiten Block wurde das Thema „Wie gehe ich mit der Erfahrung um?" thematisiert. Für Ute Delimat war es ein wichtiger Prozess, die Geschichte ihrer Mutter aufzuschreiben und darüber zu sprechen. Sie sieht es als Auftrag und als moralische Verpflichtung, die Geschichte öffentlich zu erzählen. Für sie gab es immer den Zwiespalt zwischen wissen wollen und nicht wissen wollen. Im diesem Zusammenhang sagte Ute Delimat: „Der Krieg hat immer mit am Tisch gesessen". Diese Erfahrungen bestätigte Jennifer Frank, die die Geschichte ihrer Großeltern von ihrer Mutter berichtet bekommen hat. Auch dieser Bericht war immer bruchstückhaft und von starken Emotionen begleitet, die, wenn auch nicht ausgesprochen, doch spürbar waren.

Im dritten Block ging es um das Heimat-Gefühl. Ute Delimat und Jennifer Frank erzählten beide, dass sie ein Gefühl von Heimatlosigkeit haben. Jennifer Frank berichtete, dass sie an manchen Tagen nicht weiß, wo sie hingehört und wo ihre Heimat ist. An anderen Tagen denkt sie, dass sie überall hin gehört und ihre Heimat überall ist. Ute Delimat hat oft ihre Mutter gefragt, wie sie in Deutschland leben konnte, obwohl ihr hier so viel Leid angetan worden war. Wiktoria Delimat sagte, sie hätte Polen schon vermisst, aber dort sei niemand mehr gewesen, zu dem sie hätte zurückkehren können.  

Am Ende fragte Laura Marahrens, ob Jennifer Frank auch die Geschichte ihrer Großeltern aufschreiben wolle. Sie bejahte dies. Vielleicht sehen wir Jennifer Frank in ein paar Jahren in einem unserer Erzählcafés wieder, wenn sie die Geschichte aufgeschrieben hat. 

- Maja Reise - 

Copyright © 2008-2015
Freie Altenarbeit Göttingen e.V. / Kontakt:
info@f-a-g.de
Seite aktualisiert am 12.08.2016