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Nachlese vom 01. November 2017

Nachlese Erzählcafé vom 01. November 2017

„Unsichtbare Frauen - Über Ängste geflüchteter, lesbischer Frauen"

Mit: Frau X (anonym)
Moderation: Anuschka Abutalebi von "Gmit Nidersachsen - Bildungs- und Beratungsstelle, Geschlechtergleichstellung in Zeiten des gesellschaftlichen Wandels", Hannover und Dr. Hartmut Wolter

 

Geplant war ein Erzählcafé mit Anuschka Abutalebi, für die Mitra Mansoori kurzfristig eingesprungen ist. Sie ist in Iran geboren und aufgewachsen und derzeitig in der Flüchtlingssozialarbeit bei Bonveno in Göttingen tätig.

Die Veranstaltung begleitete die Frage, wie geflüchtete lesbische, trans* Frauen erreicht und ermutigt werden können, sich bei Bedarf Beratung und Unterstützung zu holen. Grundlegend für diese Frage wurde die Situation von Frauen in persischen und arabischen Ländern beleuchtet, die Frauen bewegt, aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ihre Heimat zu verlassen. Hierzu wurde über Ausschnitte aus dem Film „Sharayet – Eine Liebe in Teheran“ gesprochen, der die Geschichte zweier lesbischer Frauen im Iran zeigt. Zudem wurden Ausschnitte aus dem Interview „Eigentlich atme ich nur“ (http://www.taz.de/!5344003/ vom 26.09.2016) aus der TAZ vorgelesen, worin eine lesbische Syrierin von den Schwierigkeiten ihres Lebens in ihrer Heimat und ihre dadurch bedingte Fluchtgeschichte berichtet. Mitra erzählte über ihr Aufwachsen in Iran und die geschichtlich sich veränderte Rolle von Frauen in der iranischen Gesellschaft. Grundsätzlich sei die Not von Frauen in persischen und arabischen Ländern ähnlich.

 

Das Thema Homosexualität wird und wurde auch in Zeiten des gemäßigteren und am Westen orientierten Schahs in Iran totgeschwiegen. Aktuell gebe es zwar Beratungsstellen für Transgender-Frauen und die Möglichkeit einen Transausweis zu bekommen, für diese Betroffenen sei das gesellschaftliche Leben aber nicht leicht, da sie von der Gesellschaft geächtet und von der Hijaab-Polizei diskriminiert würden, obwohl sie von der Verschleierungspflicht ausgenommen seien. 

¾ aller Studierenden in Iran sind Frauen, obwohl es gesellschaftlich nicht gern gesehen ist, dass Frauen einen selbstständigen Weg gehen. Die Hijaab-Polizei ist in Iran eine grobe Instanz, die Frauen verhaftet, wenn sie sich nicht „korrekt“ in der Öffentlichkeit verschleiern oder aber der vorgesehenen sehr eingeschränkten Rolle von Frauen nicht nachkommen, geschweige denn eine Homosexualität ans Licht kommt. Nach dem islamischem Gesetz ist für etwaige „Vergehen“ beim 1. Mal eine Mahnung vorgesehen, beim 2. Mal 100 Peitschenhiebe  und beim 3. Mal die öffentliche Hinrichtung. Mitra berichtet, dass sie in Teheran von keiner öffentlichen Hinrichtung bisher gehört habe, aber versteckte Kameraaufnahmen zeigen diese Gräueltaten in kleineren Orten. Da es ein hohes Maß an Korruption in Iran gebe, sei die Praxis des „Freikaufens“ durch Angehörige nach einer Verhaftung von Frauen möglich.

Der Untergrund ist in Iran spiegelbildlich zu der Unterdrückung. Die Drogen- und Musikszene wird von Personen genutzt, um sich den Repressionen für Momente zu entziehen. Hierbei werde häufig massiv über gesundheitliche Grenzen gegangen.

Wie können also geflüchtete homosexuelle Frauen erreicht werden?  

Wichtig ist der sensible und diskrete Umgang mit dem Thema, um Vertrauen zu vermitteln und Frauen nicht ungewollt in Bedrängnis in ihrer Community zu bringen. Hierbei ist es hilfreich, das Thema Homosexualität allgemein zu besprechen. Eine Niedrigschwelligkeit und ein generelles Angebot für Frauen ggf. mit Kindern gemeinsam zu kochen und zu essen, scheint ein Weg, um informelle Kreise aufzubauen, in denen sich Frauen vertrauensvoll mit ihren Anliegen öffnen können. Nur eine wiederkehrende Thematisierung von Schweigepflicht und Rechtsstaatlichkeit kann die Angst vor Repression abbauen. Auch scheint es unerlässlich in Kontakten mit geflüchteten Menschen immer wieder Rechte und Werte und Normen in Bezug auf sexuelle Orientierung, Trennung und Gleichberechtigung von Männern und Frauen sensibel einfließen zu lassen.

Erste Schritte können für alle Personen sichtbare Buttons mit Aussagen wie “queer refugees welcome“ sein, sowie Flyer, die dieses Thema betreffend Beratung und Unterstützung anbieten. Flyer müssen dabei dann, wie es die Aidshilfe bereits aufweist auf verschiedenen Sprachen übersetzt und in einfachem Deutsch geschrieben sein und an Orten ausgelegt werden, die geflüchtete Menschen besuchen. Beispielweise könnten diese Institutionen sein, die Deutschkurse anbieten.

Anlaufstelle für Beratung und der Aufbau von informellen Kreisen in Göttingen für Personen, die nicht heterosexuell lieben, nicht heteronortmativ oder nicht monogam leben oder nicht in das gesellschaftliche vorgegebene „Frau-Mann-Geschlechterschema“ passen wird in Zukunft auch Aufgabe des Queeren Zentrums sein, das sich noch im Aufbau befindet.

Der Film „Sharayet – Eine Liebe in Teheran“ wird am 14.11.’17 in voller Länge im Lumiére gezeigt.    

Hier der TAZ-Artikel als pdf.!

 

- Dorothee Bonner -

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Seite aktualisiert am 12.08.2016