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Nachlese vom 04. Oktober 2017

Nachlese Erzählcafé vom 04. Oktober 2017

"Flucht und Heimkehr“

 Mit: Frau Ellen Schernikau (Jg. 1936)

Moderation: Laura Marahrens

 

Eine Frau mit Charisma ließ uns bei diesem EC am 04.10.17 an ihrer Biographie teilhaben. Frau Ellen Schernikau (Jg. 1936) oder alias Irene Binz, wie sie im Buch ihres Sohnes Ronald M. Schernikau über ihr Leben heißt, hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Dem Vater ihres Sohnes, ihrer Liebe, folgte sie 1966 über die Grenze der DDR in die BRD. Dieser verließ fünf Jahre zuvor die DDR, weil er einer Wirtschaftsprüfung seines Einzelhandelsgeschäftes entgehen wollte, um die gefälschte Buchführung nicht offenlegen zu müssen. Die „Flucht“ (, die aus Liebe und nicht aus politisch motivierten Gründen stattfand und deshalb in Anführungszeichen steht) aus der DDR schilderte Fr. Schernikau als einen Krimi. Eine Fluchthelferorganisation nahm mittels Codes Kontakt zu ihr auf und fuhr schließlich sie, ihren 6 jährigen Sohn Ronald und zwei weitere junge Menschen, versteckt im Kofferraum eines Diplomatenautos, von Magdeburg nach Lehrte bei Hannover. Dort musste Ellen Schernikau schmerzlich feststellen, dass der Vater ihres Sohnes bereits heimlich eine neue Familie gegründet hatte und, was ein ebenso großer Schock für die bekennende Kommunistin war, wie ein großes Hakenkreuz, dass die Wände des neuen Heimes des Mannes, dem sie gefolgt war, zierte. Die gelernte Lehrkrankenschwester war erschüttert, da sie ihre Heimat verlassen hatte und als Geflüchtete, bei Wiedereinreise in die DDR eine Haftstrafe zu befürchten hatte. Also blieb sie in der BRD. Ellen Schernikau schilderte, dass aufgeben für sie keine Alternative war und sie sich nicht „verbiegen lassen wollte“. Sie vermisste die Solidarität unter den Menschen in der BRD und konnte es kaum glauben, wie viel Wert auf die Hierarchieunterschiede in ihrem neuen Krankenhaus gelegt wurde. Deshalb trat sie in die Gewerkschaft ein und kämpfte auch in der BRD für ihre Überzeugungen. Das Leben als Alleinerziehende war in der DDR einfacher als in der BRD gewesen, so beschreibt sie, da eine besondere Unterstützung alleinerziehenden Frauen in der DDR zukam. In der BRD war sie auf sich allein gestellt.

EC "Lyrischer Abend vom 8. Juli 2015"

Auch heute beim Erzählen war die Energie, die diese Frau besitzt, deutlich zu spüren und es ist nicht verwunderlich, dass sie es geschafft hat, ihren Sohn großzuziehen und sich trotz ihrer Lebensumstände nicht unterkriegen ließ. Knapp 40 Menschen lauschten gebannt den Erzählungen von Ellen Schernikau. Eine Mischung aus Anteilnahme und Betroffenheit stand aufgrund der geschilderten widrigen Lebensumstände im Raum, aber ebenso eine heitere Stimmung, da Frau Schernikau es versteht, auch ihren Humor in die Schilderung ihrer Geschichte einfließen zu lassen.
Ronald M Schernikau wurde Schriftsteller und veröffentlichte sein erstes Werk bereits kurz nach seinem Abitur. Mit 21 Jahren schrieb er die Geschichte seiner Mutter in „Irene Binz. Befragung.“ nieder, bevor er dann nach Leipzig zum Literaturstudium zog und wieder in der DDR lebte. 1991 verstarb er mit 31 Jahren an HIV. Bis dahin verfasste Ronald M. Schernikau mehrere Bücher. Mehr dazu unter: www.schernikau.net.
Ellen Schernikau beschloss 1989 zurück in ihre Heimat zu gehen und wurde am 01.09.1989 erneut Staatsbürgerin der DDR. Sie war der Überzeugung, dass trotz der auch durchaus schwerwiegenden negativen Verhältnisse der DDR, die Grundausrichtung dieses Landes ihrer Auffassung von Solidarität und politischem Verständnis entsprach. Der allgemeinen Freude über den Mauerfall und der Einigung Deutschlands kurz darauf konnte sie deshalb nicht nur positiv entgegen sehen und Ellen Schernikau spricht bis heute offen über ihre Erfahrungen in den beiden deutschen Staaten. Kritik an ihrer positiven Haltung gegenüber der DDR kann sie mittlerweile, so sagt sie, annehmen und stehen lassen. Denn die Gräueltaten wie bspw. Zwangsadoption, politische Gefangennahme, Menschen mundtot zu machen u.a.m. sind schlimme Dinge, die nicht zu rechtfertigen sind. Frau Schernikau berichtet aber dennoch gerne über ihre eigenen Erfahrungen, die von Solidarität und Unterstützung in der DDR geprägt waren und durch die wirtschaftliche Freiheit der BRD nicht aufzuwiegen waren.
Das Erzählcafé ging nahtlos in persönliche Gespräche mit Frau Schernikau sowie rege Diskussionen in Kleingruppen über, da das Thema DDR und BRD offensichtlich reges Interesse und unterschiedliche Standpunkte zu Tage förderte.

- Dorothee Bonner -

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Seite aktualisiert am 12.08.2016