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Nachlese vom 01. März 2017

Nachlese Erzählcafé vom 01. März 2017

"Wallfahrten und Klassenfeind" - Leben im Ost-Eichsfeld vor und nach der Wende

Mit: Ludger Windolph (Jg. 63), Mitarbeiter des grenzlandmuseums Teistungen

Moderation: Annette Rehfus

 

Die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland ist ein Teil der deutschen Vergangenheit und hat eine Narbe hinterlassen. Diese Vergangenheit soll nicht in Vergessenheit geraten. Dazu ist an der früheren DDR-Grenzübergangsstelle Teistungen das Grenzlandesmuseum Eichsfeld entstanden. Die Anlagen dienen heute verschiedensten Menschengruppen als Möglichkeit sich in die damalige Situation der Bewohner von den angrenzenden Ortschaften zu versetzen und die Erinnerungen wach zu halten.

Das seit Jahrhunderten durch Katholizismus und enge Familienbande geprägte Eichsfeld wurde nach dem II. Weltkrieg durch die immer undurchdringlicher werdende Ost/West Grenze geteilt. Das war tragisch: Verwandte oder Freunde konnten sich plötzlich nicht mehr sehen. Den nun westdeutschen Eichsfeldern war es zwar möglich die Grenze zu überqueren, aber sie mussten lange Wege und Wartezeiten an den wenigen Grenzübergängen in Kauf nehmen und zudem noch durch den Zwangsumtausch teuer dafür bezahlen.

Ludger Windolph, der nur etwa 10 km von der Grenze entfernt aufwuchs, berichtet von einer psychologisch gefühlten Distanz zur Grenze, die nicht zu fassen war. Dafür sorgte u.a. eine fünf Kilometer große Sperrzone, die eine ausgeklügelte, unüberwindbare Grenze verschleiern sollte. Durch viele Kontrollen kam man nicht einmal in die Nähe der Anlagen. Herr Windolph sah nach der Grenzöffnung erstmalig die Grenze.

Wer sich für den Grenzverlauf interessierte oder sich in der Nähe aufhielt, lief Gefahr von einem Netz aus Spitzeln oder von der Polizei aufgegriffen zu werden. Weiterhin berichtet Herr Windolph, dass man als Kind noch nichts geahnt hatte und durch die Propaganda geprägt wurde. Erst später kamen Zweifel und Diskrepanzen zwischen vorgespielter und realer Welt. Allerdings durfte man sich nicht querstellen und wer ideologisch folgte, hatte im sozialistischen System der DDR Möglichkeiten sich zu bilden und im Betrieb aufgenommen zu werden.

Herrn Windolph halfen die Mosaikhefte von Hannes Hegens fremde Welten zu erahnen und sich in die Weite zu wünschen.

Heute versteht man die ehemalige Grenze als verbindendes, grünes Band und das Grenzlandmuseum als Bildungsort. Wie ein Mahnmal ruft der ehemalige Grenzübergang zur Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Geschichte auf. Gleichzeitig lehrt dieses Museum, wie wertvoll Demokratie und Freiheit sind.

-          Annette Rehfus -

 

 


 

 

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Seite aktualisiert am 12.08.2016