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Nachlese vom 02. November 2016

Nachlese zum Erzählcafé vom 02. November 2016

"Queer Refugees: Repressionen im Heimatland - und hier?"

Mit: Thomas Adank und Anmar Thamer   

Moderation: Dr. Hartmut Wolter

 

Um diese Frage ging es in diesem Jahr. Die Freie Altenarbeit Göttingen e.V. organisiert im Rahmen der einmal jährlich stattfindenden „LesBiSchwulen* Kulturtage“ regelmäßig ein thematisch verwandtes Erzählcafé. Da die Planungsgruppe des Zeitzeugenprojektes einmal pro Monat ein Sonntagscafé in der Flüchtlingsunterkunft am Nonnenstieg veranstaltet, ergab sich aus dieser Verbindung die Idee, sich in diesem Jahr mit den Erfahrungen von queeren Geflüchteten zu beschäftigen. Das hierfür häufig verwendete Kürzel LSBTTIQ steht für „lesbisch-schwul-bisexuell-transsexuell-transgender-intersexuell und queer“.

Aus Hannover durften wir Thomas Adank, Beauftragter für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, und Anmar, homosexueller Geflüchteter aus dem Irak, im Kreis von etwa 35 Besuchern begrüßen. Auch über die Anwesenheit einer Betroffenen aus Göttingen freuten wir uns sehr. Leider konnte Simone Kamin als Mitorganisatorin der „LesBiSchwulen* Kulturtage“ kurzfristig nicht teilnehmen. Die Moderation des Erzählcafés wurde von Hartmut Wolter und der Praktikantin Ina Kaufhold übernommen.

Laut der EU-Richtlinie 2011/95/EU ist die Verfolgung aufgrund geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung ein anerkannter Grund für Asyl in Deutschland. Queere Asylsuchende werden hier mit verschiedenen Problemen konfrontiert. Einerseits sind sie dazu verpflichtet, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gegenüber ihre Identität glaubhaft zu machen und gravierende Gefahren im Heimatland zu beweisen. Dieser Schritt ist aufgrund bisheriger Erfahrungen eine oft unüberwindbare Hürde. Auf der anderen Seite ist es die Regel, dass in Flüchtlingsunterkünften eine Durchmischung unterschiedlichster Kulturen und Religionen stattfindet, weshalb queere Geflüchtete häufig mit erzkonservativen Personen auf engstem Raum zusammenleben müssen, ohne dass Gewaltschutzkonzepte vorhanden sind.

Thomas Adank verdeutlicht die Probleme von queeren Geflüchteten durch Einblicke in seinen Arbeitsbereich. Er zeigt die Verteilung von Strafverfolgungen aufgrund von gleichgeschlechtlichem Sexualkontakt auf, wonach in weltweit 75 Ländern eine Haftstrafe und in 13 Ländern bzw. Länderteilen die Todesstrafe droht. Auch verstärkt er das Argument problembehafteter Situationen in Flüchtlingsunterkünften anhand des Angstkreislaufes. Geflüchtete kommen traumatisiert in Deutschland an und erleiden aufgrund falscher Unterbringung, fehlenden Strukturen für LSBTTIQ und homophoben Einstellungen ihres Umfeldes ein Flashback (ein durch einen Schlüsselreiz hervorgerufenes psychologisches Phänomen, wonach sich die betroffene Person in traumatische Erlebnisse zurückversetzt fühlt). Schlimmstenfalls endet der Kreislauf nach Phasen der Angst, Schlaflosigkeit und Panik im Suizid.

Thomas Adank plädiert daher für Gewaltschutzkonzepte und sichere Räume. Auf eine Nachfrage aus dem Publikum nach konkreten Vorgehensweisen im Arbeitsbereich formuliert er weitere Schwerpunkte: Aufklärungsarbeit in Netzwerken, Erstberatung sowie Weiterleitung von queeren Flüchtlingen an sensibilisierte Netzwerke, Schulungen für Tarifbeschäftigte der Stadt und das Erwecken von Aufmerksamkeit in Form von mehrsprachigen Flyern.

Dankbarkeit durchzog die Erzählungen von Anmar. Schon in seiner Heimat war es ihm ein Bedürfnis, mit älteren Menschen darüber sprechen zu können, wie er bisher gelebt hat und wie er zukünftig leben möchte. Dankbar erschien er ebenfalls in Bezug darauf, dass ihm im Rahmen des Erzählcafés eine sichere Plattform geboten wurde, um über seine Erfahrungen und Erlebnisse zu berichten und auf die Lage von LSBTTIQ‘s aufmerksam machen zu können.

Die Angst vor Verfolgung und Tod aufgrund seiner sexuellen Orientierung war es, die ihn dazu zwang, sein Heimatland Irak zu verlassen. Seine Flucht zog sich durch die Türkei, Griechenland, Italien und Österreich. Sie war geprägt von Angst und Unsicherheit: Angst davor, sich zwangsouten zu müssen verbunden mit dem Gefühl von Unsicherheit, aufgrund des Dublin-Abkommens in ein vorheriges Land zurückgeschickt zu werden. Und auch nach der Ankunft in Deutschland waren diese Gefühle nach wie vor präsent, was vor allem durch seine Erzählungen über das Leben in der Flüchtlingsunterkunft deutlich wurde. Umso mehr freuen wir uns für Anmar, dass er seit etwa 7 Monaten die Gewissheit hat, in Deutschland bleiben zu dürfen. Er ist sehr vielseitig engagiert, besucht Deutschkurse und arbeitete begleitend u.a. im Rathaus als Praktikant und in einem Kindergarten. Sein Ziel ist es auch weiterhin, im sozialen Bereich tätig zu sein und älteren Menschen in Altenheimen, Geflüchteten sowie auch Kindern zu helfen.

Die Frage nach der wichtigsten Botschaft der zwei Erzähler schloss den offiziellen Teil des Erzählcafés ab. Anmar ist sehr dankbar für die bisherige Unterstützung durch die Beauftragten für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in Hannover sowie die Vereinigung der „queer refugees“. Er spricht sich für Hilfsbereitschaft und die Öffnung aller Menschen aus. Deshalb ist ihm die Thematisierung von LSBTTIQ‘s, wie im Rahmen dieses Erzählcafés, ein wichtiges Anliegen. Auch Thomas untermauert dies, indem er darauf aufmerksam macht, dass so eine Chance für Anmar und andere LSBTTIQ’s von sehr großer Bedeutung ist. Es geht um das Ziel einer nicht länger andauernden Tabuisierung des Themas und die Aufgabe sicherer Länder, aktiv daran zu arbeiten, dieses Gefühl von Sicherheit auch an betroffene Personen zu vermitteln.

Wir bedanken uns für die Offenheit und die Erzählungen von Anmar. Des Weiteren sind wir sehr erfreut darüber, dass sich im Anschluss an das Erzählcafé ein zweiter Erzählkreis ergeben hat, zu dem noch etwa 15 Personen anwesend waren. In diesem Rahmen erzählte eine Transfrau aus Pakistan ebenfalls ihre Geschichte, wofür wir uns noch einmal bedanken möchten.

 

-Ina Kaufhold-

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Seite aktualisiert am 12.08.2016