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Nachlese vom 05. Oktober 2016

Nachlese vom 05. Oktober 2016

Jubiläums-Erzählcafé - 30 Jahre Freie Altenarbeit Göttingen e.V.

Mit: Nina Grabe und Beiträgen von Sigmar Groeneveld

Moderation: Dr. Hartmut Wolter

„Drei Dinge sind an einem Gebäude zu beachten: dass es am rechten Fleck stehe, dass es wohlgegründet, dass es vollkommen ausgeführt sei.“

Johann Wolfgang von Goethe

 

Ein Haus am rechten Fleck! Mit diesem Argument kann die Entscheidung der Familie von Esmarch im Jahr 1908, neben dem bestehenden Haus im Garten ein neues sonnendurchflutetes Domizil zu schaffen, wohl mitbegründet werden.

Seitdem sind mehr als 100 Jahre vergangen. Ein guter Grund für ein Erzählcafé! Hierzu lud die Freie Altenarbeit Göttingen e.V. Sigmar Groeneveld, Sohn einer in den 1920er Jahren im Haus tätigen Gesellschafterin, sowie die Pflegehistorikerin Nina Grabe, ein. Da Herr Groeneveld leider verhindert war, übernahm Hartmut Wolter neben der Moderation die Präsentation der Geschichte und des Aufbaus der Jugendstilvilla.

Nachdem die Familie von Esmarch von 1910 bis 1918 im Haus gelebt hat, war es sodann von 1918 bis 1931 im Besitz von Freiherr von Siller. Magdalene Groeneveld, geb. Hilgemann, war von 1924 bis 1926 Gesellschafterin bei der Familie von Siller. Ursprünglich aus Bethel (Bielefeld) stammend, ging sie für zwei Jahre nach Göttingen. Zur damaligen Zeit war es üblich, im Rahmen der Ausbildung die Heimat zu verlassen und anderswo Erfahrungen in einem neuen Haushalt zu sammeln.

So übernahm sie alltägliche Aufgaben sowie die Betreuung des Sohnes mit offenbar geistiger Beeinträchtigung. Bisher von ihr unveröffentlichte Fotos aus dem Familienalbum wurden im Rahmen des Erzählcafés an die Wand projiziert. Ein Foto von 1912 zeigt Magdalene Groeneveld umgeben von ihrer Familie, vor allem im Kreis zahlreicher Kinder. So wird ein gravierender Unterschied zur heutigen Zeit deutlich, was die Familienzusammensetzung betrifft. Die alltäglichen Fotoaufnahmen von der Gesellschafterin sind für die damalige Zeit recht ungewöhnlich, wie ein Besucher aus dem Publikum bemerkte. Sie könnten im Rahmen der Ausbildung Dokumentationszwecken gedient haben, so eine Vermutung. Nach dem Erzählcafé wurde darüber diskutiert, ob die Fotografie für den Sohn nicht auch eine Art Beschäftigungsangebot gewesen sein könnte.

Als Freiherr von Siller 1931 starb, ging das Haus ein Jahr später an die Stadt Göttingen und sodann an die Stiftung der Drewes-Brüder und wurde später zum Altenheim „Drewes-Stift“. Nina Grabe befasste sich in ihrer Dissertation mit der stationären Versorgung alter Menschen in der Nachkriegsgeneration 1945 bis 1975 im südlichen Niedersachsen. Insbesondere betonte sie die zur damaligen Zeit strikte Trennung der Geschlechter in Altenheimen. Die Heimplätze im Drewes-Stift wurden vorrangig den „Damen aus den besseren Kreisen“ zur Verfügung gestellt. Hierzu wurde einer städtischen Fürsorgerin die Aufgabe übertragen, einen Nachweis über die Eignung der Damen an das Sozialamt weiterzuleiten.

In den 70er Jahren beschloss der Sozialausschuss der Stadt Göttingen, die Pflegesätze der städtischen Altenheime um 20-25 % anzuheben, wovon insbesondere der Drewes-Stift betroffen war. Da dort keine schwer pflegebedürftigen Personen gelebt haben und der Bedarf an Pflegeheimplätzen immer größer wurde, hat sich das Bestehen des „Drewes-Stiftes“ zunehmend nicht mehr rentiert.

1986 wurde die Freie Altenarbeit Göttingen e.V. durch Michael Jasper ins Leben gerufen. Entsprechend den Leitsätzen „Nicht allein, nicht ins Heim!“ (Michael Jasper) und „Menschen, die etwas verändern wollen“ (Elfriede Richter) wurde eine Umstrukturierung hin zu qualifizierter häuslicher Pflege sowie zu Angeboten für ältere Menschen angestrebt. Nachdem die Drewes-Stiftung 1991 geschlossen wurde, erstellte die Freie Altenarbeit ein Konzept für eine altengerechte Alten-Wohngemeinschaft. Im Fokus stand hierbei der Grundgedanke, ein gemeinsames Miteinander ohne Heimcharakter, geprägt von größtmöglicher Freiheit und Selbstbestimmung, zu erschaffen.

So wurde der Umbau vom Architekten Michael Tihl geplant und u. a. mit Hilfe der ehrenamtlichen Arbeit der Kompanie des guten Willens e.V. Hagen/ Westfalen umgesetzt. Eine Besucherin warf die Frage in den Raum, ob dieser Verein immer noch bestehe. In veränderter Form könne man die Nachbarschaftshilfen als Nachfolgeorganisationen betrachten, so die Meinung unter den Gästen. Im Januar 1994 sind die ersten elf Frauen in die Alten-WG eingezogen.

Ein Besucher fragte Nina Grabe zuletzt nach zentralen Erkenntnissen, welche ihr aus der Doktorarbeit besonders präsent sind. Für sie war der steigende Bedarf an Altenbetreuung nach dem Krieg, das „Altenthema“ im zunehmenden Fokus der Öffentlichkeit sowie der Wandel von „alten Menschen“ zu „älteren Menschen“, einhergehend mit einem Einstellungswandel in den 70er/80er Jahren, prägnant.

Dieses Erzählcafé konnte uns die vielseitige Geschichte des Hauses und des damit verbundenen „Altenthemas“, wie es Nina Grabe formuliert hat, näher bringen. Besondere Entwicklungen sind immer mit besonderen Menschen verbunden! Das wurde in den Erzählungen mehrfach deutlich. Bisher wurden schon viele Jubiläen gefeiert, beispielsweise das 10-jährige Jubiläum der Alten-WG 2004 und das 100-jährige Hausjubiläum 2008. So bleibt uns abschließend der Blick auf die bevorstehenden Jubiläen: 30 Jahre FAG e.V. und 20 Jahre Eva Meurer Stiftung in diesem Monat.

 

Ina Kaufhold

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Seite aktualisiert am 12.08.2016