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Alten-WG

Mosaiksteine des Konzepts

Die Alten-WG setzt auf das Prinzip der Selbstorganisation.

Was das konkret bedeutet, hat eine WG-Bewohnerin einmal trefflich so beschrieben: „Die Regie über den Alltag soll, soweit das möglich ist, in meinen eigenen Händen bleiben!" Selbstorganisation in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt heißt nun aber gerade nicht, dass jede/r auf sich alleine gestellt wäre – im Gegenteil! Es kann sehr bereichernd sein zu erfahren, gemeinsames Erleben sowie auch die Freuden wie auch die Probleme des Alltags mit Menschen aus der WG-Gruppe auszutauschen - ganz zu schweigen von den Möglichkeiten der gegenseitigen Unterstützung, die unterschiedlichste Facetten haben kann und die eine Wohngemeinschaft im Vergleich zum Allein-Leben bietet.

Seit Anbeginn des Projekts trifft sich die WG-Gruppe jeden Dienstag Nachmittag für ein, zwei Stunden, um gemeinsam all die Dinge zu besprechen, die anliegen oder auch „auf den Nägeln brennen". Auch dies ist eine wichtige Form der Selbstorganisation, und zwar eine gemeinschaftsbezogene! Eine WG-Bewohnerin charakterisiert diese wöchentliche WG-Besprechung so: „Wichtig. Sehr wichtig. Wird von uns sehr ernsthaft wahrgenommen. So kann die Kette zu den anderen nicht abreißen!"

 

Das Leben in der Alten-WG ist zugleich individuell und gemeinschaftsbezogen.

Jawohl – die Alten-WG ist ein gemeinschaftliches Wohnprojekt. Dennoch, und ganz bewusst, haben alle Menschen, die hier leben, jeweils eigene, „abgeschlossene" Wohnungen. Die WG-Gruppe versteht sich weder als „Kollektiv" noch als „Gesinnungsgemeinschaft", treffender könnte sie als eine „Wahlgemeinschaft von Individualistinnen mit wachen nachbarschaftlichen Antennen" charakterisiert werden. Mit Ausnahme der wöchentlichen WG-Besprechung Dienstag Nachmittags sind Aktivitäten eher selten, an denen alle WG-Mitglieder teilnehmen. So gibt es auch keine gemeinsame Verpflegung, und wenn es doch gemeinsames Essen gibt, dann ist der Anlass verabredet.

Nicht alle WG-Mitglieder mögen sich gleich gern, das wäre doch auch lebensfremd. Das soziale Netz der Gemeinschaft knüpft sich vor allem aus Verabredungen zu zweit oder zu kleinen Gruppen, hier kann eher persönliche Vertrautheit erlebt werden.

Dass persönlicher Rückzug jederzeit möglich sein muss, diesen wichtigen Aspekt haben die WG-Initiatorinnen gleich in die Umbauplanungen eingebracht, indem sie sehr bewusst und bedürfnisgerecht "abschließbare Wohnungen" für die WG vorsahen. Aber der ästhetische Rahmen der Jugendstilvilla bietet, über diesen Privatraum hinaus, viele gemeinschaftlich nutzbare Räume, und auch die Wohnflure mit ihren behaglichen Ecken und Nischen laden zu Begegnung und zum Verweilen geradezu ein.

 

Die Alten-WG versteht sich als „lernendes Projekt".

Lernen in der Alten-WG? Im Alter von Mitte Sechzig, Siebzig, Achtzig, Neunzig? Aber ja doch! In dem Maße, in dem Menschen eben nicht nur nebeneinander wohnen, sondern miteinander, wenn die WG-Mitglieder sich als Gruppe verstehen, dann entstehen immer wieder auch Probleme und Krisensituationen. Eine positive, dauerhafte „Gruppenkultur" im Blick zu halten, ein freundliches Miteinander, das von gegenseitigem Respekt unterschiedlicher Menschen getragen ist, die nicht immer einer Meinung sind: Das ist eine Herausforderung, die von den WG-Mitgliedern stete Mitarbeit, Geduld und auch eine gute Portion Toleranz erfordert. Nicht selten ist es auch ein Lern- und Entwicklungsprozess, Hilfe zu geben oder anzunehmen. Auch mal „Nein!" sagen zu können, um die eigenen Kräfte und den „Energiehaushalt" nicht zu überfordern.

Lernprojekt WG

Dieses Miteinander- und Voneinander-Lernen lohnt sich - und zwar in dem Sinne, wie eine Initiatorin eines Wohnmodells mal so formuliert hat: „Wohnprojekte, die sich auf diese Weise lebendig entwickeln, sind soziale Kunstwerke!"


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Solidarität spielt in der Alten-WG eine wichtige Rolle.

Auf freiwilliger Basis helfen und unterstützen sich die WG-Mitglieder in ihrem Alltag. Bewusst knüpft das Projekt damit zunächst an dem an, was alte Menschen können - und nicht an dem, was sie nicht mehr können. Mit einer solchen Perspektive stellt die Alten-WG das überholte „defizitäre Altersbild" vom Kopf auf die Füße. Die Mitglieder der WG-Gruppe sind, in ihrer Persönlichkeit, in ihren Interessen, Fähigkeiten und Talenten, sehr verschieden. In dieser Vielfalt liegt ein großes Potenzial, das sich im Wohnprojekt zu gegenseitigem Nutzen bestens entfalten kann. Ein WG-Mitglied mag krank sein - die WG-Nachbarin übernimmt den Einkauf, selbstverständlich. Jemand mag ein besonders geschicktes Händchen bei Finanzen haben - prima für die Verwaltung der WG-Kasse! Die Sehvermögen eines WG-Mitglieds lässt es nicht mehr zu, die Zeitung zu lesen. Es findet sich jemand zum Vorlesen - und erlebt die Gespräche über das, was die Tagespresse bietet, auch für sich selbst als bereichernd. Solidarität, in einem solchen Sinne, ist nicht etwa „Pflichtprogramm", sondern ein Beitrag zur Wohnzufriedenheit. Sich gegenseitig zu unterstützen, das schließt aber auch ein, die eigenen Grenzen zu beachten und Selbst-Überforderung zu vermeiden. Darin ist auch das Prinzip der Freiwilligkeit begründet.

Unter Beachtung eigener Grenzen bemüht sich die WG-Gruppe auch darum, Situationen leichter Pflegebedürftigkeit einzelner WG-Mitglieder durch pflegeergänzende Hilfen zu meistern, unter Einbeziehung der Angehörigen.
Bei längerer Pflegebedürftigkeit können mobile Dienste und Sozialstationen in Anspruch genommen werden, die dazu gerne in das WG-Projekt kommen, zumal sie das soziale Netzwerk der WG-Gruppe zu schätzen wissen. Die Übernahme pflegerischer Leistungen gehört in professionelle Hände. Wenn die Hilfen ambulanter Dienste nicht ausreichen, kann ein Umzug in eine stationäre Pflegeeinrichtung erforderlich sein.

 

Mitbestimmung wird in der Alten-WG groß geschrieben.

Der Alltag in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt bietet viele Anlässe, die gemeinsam beraten und schließlich entschieden werden müssen. Die Palette solcher Anlässe ist bunt und breit: Wäre es nicht sinnvoll, den Weg in den Garten so auszubauen, dass er für körperlich beeinträchtigte Menschen leichter begehbar wird? Ein Fernsehteam möchte die WG besuchen. Ist es willkommen, und wer steht zu einem Gespräch zur Verfügung? Ein neuer Teppich für den WG-Salon ist fällig – aber welcher soll's denn sein? Bei solchen Beratungen ist entscheidend, dass alle Beteiligten zu Wort kommen können – auch und gerade dann, wenn unterschiedliche Meinungen kontrovers nebeneinander stehen. Sich gegenseitig zuzuhören, sich ausreden lassen, das fällt nicht immer leicht, es kann manchmal sogar frustrierend sein. Aber in dem Maße, in dem es gelingt, auf diese Weise eine echte gemeinsame Entscheidung zu treffen, stärkt es das „Wir-Gefühl" der Gruppe und ist echte Teilhabe am sozialen Leben.
Und auch dies: Die WG-Gruppe hat maßgeblichen Einfluss auf die Entscheidung über neue Mitglieder. Diese so wesentliche Entscheidung trifft die WG-Gruppe in enger Abstimmung mit dem Trägerverein. Auch die Stadt Göttingen, als Eigentümerin des Hauses, ist – mit dem Blick auf die soziale Balance des Projekts – partnerschaftlich einbezogen.

 

Das Projektehaus „Am Goldgraben14" hat einen doppelten Charakter: Wohnen und Lernen unter einem Dach.

Im Souterrain des Hauses befinden sich die Gruppen-, Veranstaltungs- und Büroräume des Vereins der Freien Altenarbeit Göttingen e.V., mit dessen Initiative das WG-Projekt ins Leben gerufen wurde. Unter dem Motto "Generationen gestalten gemeinsam" bietet der Verein eine Vielzahl öffentlicher Aktivitäten, Veranstaltungen und Projekte, die selbstverständlich – und ganz nach eigenem Interesse – den WG-Mitgliedern offen stehen.

Besondere Bedeutung haben Veranstaltungen mit biographischen Themen für und mit Menschen aus allen Altersgenerationen. Mehr dazu erfahren Sie unter dem Menüpunkt: „Zeitzeugenprojekt".

Durch diesen doppelten Charakter hat die Alten-WG bereits unter ihrem eigenen Dach einen generationsübergreifenden Rahmen. Auch dies ist einer der Kerngedanken des Modellkonzepts. Hier leben keine jungen Leute oder Menschen im Erwerbsalter, aber sie sind präsent – und sie bieten WG-Mitgliedern die Möglichkeit, ihre sozialen Kontakte und Beziehungen nach ihren Bedürfnissen zu erweitern und zu bereichern. Bei Einzug in die WG wird die Mitgliedschaft in der Freien Altenarbeit Göttingen e.V. als Ausdruck der Solidarität mit den ideellen Zielen des Vereins erwartet.

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Die Alten-WG ist als Niedersächsisches Pilotprojekt ins Leben gerufen worden.

Um gemeinschaftliches Wohnen in der Öffentlichkeit bekannter zu machen, beteiligt sich die WG-Gruppe an der Öffentlichkeitsarbeit des Vereins. Die Alten-WG war das erste Projekt dieser Art in Niedersachsen – als Modellprojekt gemeinschaftlichen Wohnens. In nicht unbeträchtlichem Umfang hat der Verein dazu finanzielle Mittel aus Stadt und Land erhalten, und auch Stiftungsmittel sind in Umbau und Sanierung eingeflossen.
Seit Anbeginn hatte die Alten-WG eine Vielzahl interessierter Wohninitiativen aus ganz Deutschland zu Gast, um sich für ihre eigenen Vorhaben inspirieren zu lassen. Ebenso gaben sich Presse, Funk und Fernsehen manchmal geradezu "die Türklinke in die Hand". Von besonderem Interesse sind dabei die unverstellten Schilderungen der WG-Mitglieder zu ihrem konkreten Wohnalltag, sie sind weit interessanter als etwa der architektonische oder konzeptionelle Rahmen. Die Mitglieder der Alten-WG haben durch ihre stete Mitwirkung bei dieser Öffentlichkeitsarbeit maßgeblich dazu beigetragen, dass gemeinschaftliches, selbstbestimmtes Wohnen im höheren Lebensalter in unserem Land für immer mehr Menschen zu einer vorstellbaren Alternative geworden ist.

 

Mehr Sicherheit und Lebensqualität durch Pflegekonzept – Meilenstein für Göttinger Alten-WG

Mit tatkräftiger Unterstützung der Göttinger Eva-Meurer-Stiftung ist es gelungen, ein neues Pflegekonzept für die Alten-WG Am Goldgraben auf den Weg zu bringen. Das Älterwerden der Bewohnerinnen (ca. 60-85 Jahre alt) stellt die WG-Gruppe und den Trägerverein, die Freie Altenarbeit Göttingen e.V., vor ganz neue Herausforderungen.

Wie stark ist unsere Hausgemeinschaft bei Hilfs- und Pflegefragen? Wie gehen wir mit Krankheits- und Pflegesituationen um? Wann ist der Zeitpunkt gekommen, dass eine Heimunterbringung der bessere Weg ist? Diese Fragen wurden in einer siebenköpfigen, von einer externen Moderatorin geleiteten Arbeitsgruppe, bestehend aus WG-Bewohnerinnen, Vereinsmitarbeiterinnen, der Eva-Meurer-Stiftung, einem Pflegedienst sowie Expertinnen anderer Wohnprojekte, über einen Zeitraum von sechs Monaten hinweg intensiv diskutiert.

Wir danken den Mitarbeiterinnen der Kasseler Wohnungsgenossenschaft 1889, des Hannoveraner Wohnprojektes „Gemeinsam statt einsam“ und des Ökumenischen Pflegedienstes Göttingen für ihre wertvollen Anregungen und Einschätzungen“, freut sich Regina Meyer, Geschäftsführerin der FAG, über die fachliche Unterstützung und die weitere Vernetzung in der Region.

Und: „Ohne die Unterstützung der Eva-Meurer-Stiftung wäre die Entwicklung des Konzeptes nicht möglich gewesen, der Stiftung gilt deshalb unser besonderer Dank.“ Axel Brenneke, Kuratoriumsmitglied und Geschäftsführer der Stiftung, hebt hervor, dass „die Alten-WG gemeinsam mit kompetenter Hilfe ein eigenes, an ihren Bedürfnissen orientiertes Pflegekonzept entwickelt hat, das auch exemplarische Bedeutung für andere alternative Wohn- und Lebensformen haben kann. Wichtig ist für uns als Stiftung  jedoch die Nachhaltigkeit, d.h. die kontinuierliche Weiterentwicklung und Umsetzung dieses Konzeptes.“

Charlotte Lierse von der Alten-WG betont: „Das Leben ist endlich und wir müssen uns mit der letzten Lebensphase engagiert und positiv auseinandersetzen. “

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Seite aktualisiert am 12.08.2016